Ausgabe 3 ⁄ 2010, Beitrag Nr. 2

Sozioökonomische Faktoren der Mundgesundheit bei Jugendlichen: Werden sie durch Verhaltensweisen in der Mundhygiene oder präventive Maßnahmen beeinflusst?

Mittels einer Querschnittsstudie in Pennsylvania sollte geklärt werden, ob die soziale Herkunft einen Einfluss auf das Auftreten von Karies bei Jugendlichen hat. Außerdem wurde untersucht, inwieweit Unterschiede im Verhalten bei der Mundhygiene und im Besuch von Zahnärzten bestehen und ob diese zu den sozialen Ungleichheiten führen.
Die Hypothese, dass eine niedrigere gesellschaftliche Stellung mit einem höheren Kariesrisiko einhergeht, konnte bestätigt werden. Obwohl jedoch Kinder aus Familien mit niedrigem sozialen Status ihre Zähne weniger häufig putzten, seltener eine Fissurenversiegelung erhielten und ihr letzter Zahnarztbesuch weiter zurücklag, waren diese Umstände nicht ursächlich für die erhöhte Kariesprävalenz bei niedrigem sozioökonomischen Status.

Bei sehr vielen Erkrankungen ist zu beobachten, dass eine höhere gesellschaftliche Stellung mit besserer Gesundheit einhergeht. Dieser Umstand wird in vielen gesundheitlichen Studien so deutlich, dass es seitens der Gesundheitsbehörden von großer Wichtigkeit ist, den sozioökonomischen Status (SES) bei der Planung und Durchführung von Präventionsprogrammen zu berücksichtigen.
In Hinsicht auf das Auftreten von Karies bei Heranwachsenden gibt es wenige Studien, von denen einige einen geringen sozialen Status als Risikofaktor für die Erkrankung ergeben. Weiterhin fehlen Daten darüber, inwiefern sich bei Jugendlichen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten das Verhalten in der Mundhygiene oder Besuche bei Zahnmedizinern und deren Maßnahmen auf die Zahngesundheit auswirken. In der vorliegenden Querschnittsstudie wurden 6040 Schüler aus dem US-Staat Pennsylvania bezüglich ihrer Zahngesundheit untersucht. Sie nahmen zusammen mit ihren Eltern an einer Befragung teil, die das Verhalten bei der Mundhygiene und den sozioökonomischen Status abbildete.
Dabei ergab sich, dass eine niedrige soziale Stellung mit einem erhöhten Risiko einhergeht, an Karies zu erkranken. Unterschiede im Verhalten bei der Zahnpflege je nach gesellschaftlicher Gruppierung stellten jedoch keinen Risikofaktor für die Entstehung von Karies dar.

Für die Querschnittsstudie wurden im Jahr 1999 in ganz Pennsylvania in einem mehrstufigen Prozess systematisch repräsentative Stichproben gesammelt. Aus den Daten der 6040 Schüler wurden Untergruppen von Jugendlichen zweier Jahrgänge im Alter von durchschnittlich 14,6 und 16,5 Jahren aus insgesamt 530 Familien gebildet. Die Bezugspersonen jedes Schülers erhielten einen Fragebogen mit 50 Fragen zum Einkommen, der Ausbildung, Krankenversicherung, Frequenz zahnärztlicher Vorsorge-untersuchungen, der Zahngesundheit der Eltern, der Wahrnehmung der Zahnpflege bei den Kindern, Zugang zu fluoridiertem Wasser, fluoridhaltiger Zahncreme oder anderen fluoridierten Pflegemitteln sowie dem Gebrauch von Zahnseide oder Fissurenversiegelung. Dabei wurde eine geschlossene Fragetechnik mit auszuwählenden vorgegebenen Antworten angewendet.
Die Heranwachsenden beantworteten 12 Fragen zu Gewohnheiten bei der Zahnpflege und wurden zahnärztlich untersucht. Dabei wurde jeder bleibende Zahn visuell begutachtet und als intakt, gefüllt, kariös oder fehlend klassifiziert (DMFT Index). Da die Indizes keine Normalverteilung zeigten, wurden die Befunde für die statistische Betrachtung in zwei Gruppen mit leichter Prävalenz (DMFT > 0) und schwerer Karies (DMFT > 3) eingeteilt. Die weitere Analyse erfolgte mit dem Strukturgleichungsmodell. Dazu wurde der SES als latente Variable (ermittelt durch Indikatoren wie Haushaltseinkommen und Ausbildung der Eltern) eingesetzt.
Zunächst wurde ein Zusammenhang zwischen dem SES und dem Auftreten von Karies hergestellt. Anschließend wurde überprüft, inwiefern die gesellschaftliche Stellung mit dem Verhalten bei der Mundhygiene und präventiven Maßnahmen assoziiert war. In einem dritten Schritt wurden nicht relevante Faktoren aus dem Modell entfernt und ein abschließendes Modell entworfen, das nur signifikante Maßnahmen enthielt. Zudem wurde die Güte der Anpassung des rechnerischen Modells mit Hilfe des Chi-Quadrat-Tests und weiterer statistischer Methoden überprüft.

Die Analyse ergab, dass eine höhere gesellschaftliche Stellung mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit an Karies zu erkranken assoziiert war (bei leichter Karies β = -0,30 mit p < 0,03 und bei schwerer Karies β = -0,42 mit p < 0,0001). Erste Modelle zeigten, dass Jugendliche, die mit einem höheren sozialen Status aufwachsen, häufiger ihre Zähne putzten, fluoridierte Zahnpasta benutzten, eher eine Fissurenversiegelung bekamen und den Zahnarzt vor kürzerer Zeit aufgesucht hatten als Kinder aus Familien mit niedrigerer gesellschaftlicher Stellung. Beim Gebrauch von Zahnseide, fluoridierten Tropfen oder dem Konsum fluoridhaltigen Wassers gab es dagegen keine Unterschiede.
Dennoch fanden sich in weiteren Rechenmodellen, die ein Auftreten leichter Karies vorhersagen sollten, keine Hinweise darauf, dass die Parameter der Frequenz des Zähneputzens, des Gebrauchs fluoridierter Zahnpasta, eine Fissurenversiegelung oder ein Zahnarztbesuch vor kürzerer Zeit für das unterschiedliche Auftreten der Erkrankung in Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status verantwortlich zu machen sind.

Das Verhalten bei der Mundhygiene kann somit das vermehrte Auftreten von leichter und fortgeschrittener Karies bei Heranwachsenden unterschiedlicher sozialer Herkunft nicht erklären. Wodurch die Unterschiede der Prävalenz von Karies in Abhängigkeit vom sozioökonomischen Status verursacht werden, konnte diese Studie nicht klären. Für effektive Interventionsprogramme, mit denen die Benachteiligung von Personen aus niedrigeren sozialen Schichten beseitigt werden sollen, muss somit eine weitere Klärung der Ursachen erfolgen.

Polk DE, Weyant RJ, Manz MC; University of Pittsburgh, School of Dental Medicine, Pittsburgh, PA 15261, USA. dpolk@pitt.edu

Socioeconomic factors in adolescents oral health: are they mediated by oral
hygiene behaviors or preventive interventions ?

Community Dent Oral Epidemiol. 2010 Feb;38(1):1-9.

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