Ausgabe 3 ⁄ 2010, Beitrag Nr. 3

Körperliche Inaktivität und abdominale Adipositas als Risikofaktoren für die koronare Herzkrankheit bei anscheinend gesunden Männern und Frauen

Haben körperlich aktive Menschen unabhängig vom BMI (Body-Mass-Index) einen geringeren Taillenumfang als inaktive Personen? Verstärken ein erhöhter Bauchumfang sowie körperliche Inaktivität das Risiko, an einer koronaren Herzkrankheit zu erkranken? Wie verhalten sich die beiden Parameter zueinander? Diesen Fragen gingen die Autoren einer prospektiven britischen Studie bei Erwachsenen nach. Sie konnten nachweisen, dass der Taillenumfang unabhängig vom BMI in der Tat bei regelmäßiger körperlicher Aktivität geringer ist als bei untätigen Personen. Als Maß für abdominale Adipositas stellt ein erhöhter Bauchumfang einen Risikofaktor für Erkrankungen der Herzkranzgefäße dar, ebenso wie körperliche Inaktivität. Beide Faktoren wirken dabei unabhängig voneinander auf das Krankheitsgeschehen.

Der Körpermassenindex oder BMI hat sich als Parameter für klinische Messungen etabliert und wird als Mittel genutzt, um das Risiko koronarer Herzkrankheiten (CHD) zu quantifizieren. Dennoch gibt es eine Reihe von Hinweisen darauf, dass es für diese Fragestellung sinnvoller wäre, die abdominale Korpulenz mit Hilfe von Taillenumfangsmessungen zu bestimmen. Die Prävalenz von Personen mit erhöhtem Bauchumfang hat in der Vergangenheit deutlich zugenommen und steht im Verdacht, die Mortalitätsraten durch koronare Herzkrankheiten zu beeinflussen. Weiterhin haben mehrere Studien gezeigt, dass körperliche Inaktivität unabhängig von einer bestehenden Adipositas einen Risikofaktor für ischämische Herzerkrankungen darstellt.
Mittels der Studie sollten die beiden Hypothesen belegt werden, dass der Taillenumfang bei körperlich aktiven Menschen geringer ist als bei inaktiven Personen, und dass abdominale Adipositas und körperliche Untätigkeit unabhängig voneinander zum Risiko koronarer Herzerkrankungen beitragen.

Es handelte sich um eine prospektive, populationsbasierte Studie von 21729 Teilnehmern zwischen 45 und 79 Jahren aus Norfolk, UK. Die Kohorte entsprach bezüglich vieler Charakteristika wie Anthropometrie, dem Blutdruck und der Lipidkonzentrationen im Blut der gesamten britischen Population, enthielt jedoch einen geringeren Anteil an Rauchern. Bei einer ersten Untersuchung der Probanden während der Jahre 1993-1997 erfolgte eine Blutentnahme, und Größe, Gewicht sowie Bauchumfang der Teilnehmer wurden gemessen. Für die gesamte Gruppe wurde ein vitaler Status festgestellt. Biochemische Analysen des Blutes umfassten Gesamt-Cholesterin, HDL (High Density Lipoprotein) und Triglyceride. Korrespondierende LDL-Konzentrationen wurden nach Friedewald berechnet. Die Sterbeurkunden der Vorfahren der Personen wurden hinsichtlich der Todesursachen überprüft und einer CHD zugeordnet, sofern entsprechend der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten, Verletzungen und Todesursachen (ICD-9) mit Code 410-414 eine ischämische Herzkrankheit zugrunde lag (d.h. akuter Myokardinfarkt, sonstige akute oder subakute Formen von ischämischen Herzkrankheiten, alter Myokardinfarkt, Angina pectoris oder sonstige Formen von chronischen ischämischen Herzkrankheiten). Neben der klinischen Untersuchung erfolgte eine Befragung, die die Lebensgewohnheiten und körperliche Aktivität sowohl während der Freizeit - unter Berücksichtigung der Jahreszeit - als auch im beruflichen Umfeld zum Gegenstand hatte. Aus den Daten wurde ein Aktivitätsindex errechnet, mit dessen Hilfe die Probanden in vier Gruppen mit zunehmender physikalischer Aktivität eingeteilt wurden. In der im Mittel 11,4 Jahre dauernden folgenden Beobachtungszeit wurden die Teilnehmer einer CHD zugeordnet, sofern sie wegen einer Erkrankung der Herzkranzgefäße einen Krankenhausaufenthalt benötigten oder daran starben. Das Risiko, an einer CHD zu erkranken (Hazardwert, 95% CI), wurde durch Cox Regression berechnet, wobei eine Klassifizierung nach Geschlecht, körperlicher Aktivität und Bauchumfang erfolgte.

Zunächst ließ sich feststellen, dass jüngere Studienteilnehmer aktiver waren, seltener rauchten und seltener an Diabetes, Adipositas und erhöhtem Blutdruck litten. Die aktiven Personen besaßen niedrige Cholesterin- (gesamt und LDL) und Triglyceridwerte. Die Einteilung in Kategorien nach BMI (<25, 25-30, ≥30 kg/m²) zeigte, dass unabhängig vom BMI der Taillenumfang bei inaktiven Menschen größer ist als bei denen, die körperlich tätig sind (p < 0,001). Bei Männern betrug dieser Unterschied je nach BMI-Kategorie 2,2 - 3,3 cm und bei Frauen 1,9 - 4,1 cm.
Während der anschließenden Beobachtungsphase über durchschnittlich 11,4 Jahre kam es zu 2191 Fällen koronarer Erkrankungen. Die statistische Berechnung unter Berücksichtigung bekannter Risikofaktoren (Alter, Rauchen, Alkoholgenuss, Krankheitsgeschichte der Eltern, Hormonersatztherapie bei Frauen) ergab, dass das Risiko, eine koronare Herzkrankheit zu bekommen, bei inaktiven Männern mit einem erhöhten Taillenumfang auf 1,74 (95% CI 1,34 - 2,27) stieg, bei Frauen lag der Hazardwert bei 4 (95% CI 2,04 - 7,86). Bei Personen mit geringerem Taillenumfang bestand bei inaktiven Männern ein um 1,44 (95% CI 1,07 - 1,94) und bei inaktiven Frauen ein um 2,35 (95% CI 1,14 - 4,86) erhöhtes Risiko, in der Zukunft zu erkranken. Auch die aktiven Personen waren bei erhöhtem Bauchumfang stärker gefährdet, eine ischämische Herzkrankheit zu entwickeln (Männer 1,37 mit 95% CI 1,00 - 1,86; Frauen 3,63 mit 95% CI 1,72 - 7,68). Während der Taillenumfang mit steigender körperlicher Aktivität abnahm, war dies für den BMI nicht der Fall, bei aktiven Männern nahm er sogar leicht zu. Eine Bereinigung der Daten nach Alter führte zu gleichen Ergebnissen. Die abdominale Korpulenz, gemessen durch den Taillenumfang, ist dem BMI als Indikator für ein erhöhtes Risiko, an koronaren Krankheiten zu erkranken, somit überlegen.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass inaktive Menschen einen höheren Anteil an abdominaler Korpulenz aufwiesen, die mit Hilfe des Taillenumfangs gemessen wurde. Das Risiko, eine koronare Herzkrankheit zu bekommen, stieg sowohl mit geringerer körperlicher Aktivität als auch mit höherem Bauchumfang signifikant an, bei Frauen noch stärker als bei Männern. Jedoch erkrankten inaktive Individuen auch bei niedrigem Taillenumfang häufiger an ischämischen Erkrankungen des Herzens: Eine sitzende Lebensweise, die auch während der Freizeit nicht durch erhöhte Aktivität ausgeglichen wird, stellt einen Risikofaktor für koronare Herzkrankheiten dar.
Personen mit größerem Taillenumfang sind unabhängig von ihrer körperlichen Aktivität ebenfalls deutlich stärker gefährdet. Dies weist darauf hin, dass beide Faktoren – Aktivität und abdominale Korpulenz – unabhängig voneinander zu der Entstehung ischämischer Herzerkrankungen beitragen.

Arsenault BJ, Rana JS, Lemieux I, Després JP, Kastelein JJ, Boekholdt SM, Wareham NJ, Khaw KT; Centre de Recherche de l ’Institut Universitaire de Cardiologie et de Pneumologie de Québec, Canada. kk101@medschl.cam.ac.uk Physical inactivity, abdominal obesity and risk of coronary heart disease in apparently healthy men and women

Int J Obes (Lond). 2010 Feb;34(2):340-7.

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