Ausgabe 3 ⁄ 2010, Beitrag Nr. 4

Der mütterliche Bildungsgrad beeinflusst die Assoziation zwischen dem Risiko von Adipositas und dem rs3809508 Neuromedin B-Gen-Polymorphismus in der HELENA-Studie

Umweltfaktoren spielen für die Entstehung von Übergewicht und Adipositas eine wichtige Rolle, und die veränderte Lebensweise der Menschen führt auch bei Kindern und Jugendlichen zum verstärkten Auftreten dieser Erkrankungen. Neben sozialen Auslösern, bei denen ungesunde Lebens- und Ernährungsgewohnheiten häufig in Familien mit geringem sozioökonomischem Status gefunden werden, können auch genetische Ursachen zur Adipositas führen. Das Auftreten von vier Einzelnukleotid-Polymorphismen des Neuromedin B Gens wurde europaweit bei Jugendlichen untersucht. Dabei fand sich ein Zusammenhang zwischen der Ausprägung einer genetischen Variation und dem erhöhten Risiko, an Adipositas zu erkranken. Ein niedriger mütterlicher Bildungsgrad trug in Verbindung mit der auftretenden Variation zum größeren Krankheitsrisiko bei.

Eine Reihe von Neurohormonen und Peptiden beeinflussen das Essverhalten. Dazu zählt Neuromedin B (NMB), ein Peptid, das zusammen mit GRP, dem gastrinreleasing peptide, zur Familie der bombesin-ähnlichen Peptide gerechnet wird. NMB wird nach Nahrungsaufnahme vom Gastrointestinaltrakt abgegeben und bindet an GRezeptoren des Hypothalamus, wo es einen starken anorektischen Einfluss hat und die weitere Nahrungsaufnahme hemmt. Damit bildet es eine Brücke zwischen dem Intestinaltrakt und dem Gehirn. Auch im Fettgewebe wird das Peptid exprimiert und je nach Energiebalance abgegeben.
Es ist bereits bekannt, dass der Austausch eines Nukleotids (253C>A) im Gen des Peptids zu einem Aminosäureaustausch führt (P73T Substitution) und die Anfälligkeit für Adipositas steigert, da verstärkt Hungergefühle eintreten und keine ausreichende Hemmung der Nahrungsaufnahme erfolgt. Das Auftreten weiterer Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs, Single Nucleotide Polymorphisms) bei europäischen Jugendlichen wurde hier in Beziehung zu anthropometrischen Daten gesetzt, und Interaktionen zwischen NMB-Polymorphismen, dem sozioökonomischen Status (SES) und Adipositas wurden identifiziert.

Die Teilnehmer wurden im Rahmen der Studie „Healthy Lifestyle in Europe by Nutrition in Adolescence“ (HELENA, http://www.helenastudy.com) rekrutiert. Die Untersuchung fand in den Jahren 2006 und 2007 in 10 europäischen Studienzentren an 3865 freiwilligen Schülern im Alter von 14,8 ± 1,4 Jahren statt. Gewicht, Größe, Taillen und Hüftumfang sowie Körperfettanteil der Schüler wurden gemessen und der BMI errechnet (Body-Mass-Index, Klassifizierung in Über-, Normal- und Untergewicht nach Cole1). Über eine Woche hinweg wurde die physikalische Aktivität der Schüler mit Hilfe eines Akzelerometers (Aktigraph MTI) gemessen. Um das Essverhalten zu bestimmen, beantworteten die Jugendlichen einen Fragebogen mit 60 Fragen zu 10 Unterpunkten. Bei einem Drittel der Studienteilnehmer (1155 Schüler) wurde Blut entnommen und biochemisch untersucht. DNA für die Untersuchung der Genpolymorphismen wurde aus weißen Blutzellen isoliert.
In der Datenbank des internationalen HapMap Projektes, das die Kartographierung der Haplotypen des menschlichen Genoms zum Ziel hat und Muster genetischer Variation des Menschen beschreibt, wurden vier SNPs beschrieben, deren Genotypisierung (mittels Illumina Golden Gate Technologie) bei den Probanden vorgenommen wurde: rs1107179, rs17598561, rs3809508 und rs1051168(P73T). Die Häufigkeit dieser SNPs bei den Schülern entsprach der erwarteten Verteilung (x²-Test).

Der statistische Vergleich zwischen dem Genotyp und dem Risiko für Adipositas erfolgte unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Studienzentrum mittels logistischer Regression. Quantitative Variablen verschiedener Gruppen wurden mit linearen Modellen berechnet.

Die Frequenz der seltenen Allele betrug 0,47 für rs1107179, 0,06 für rs17598561, 0,18 für rs3809508 und 0,28 für rs1051168(P73T). Der Vergleich der Ausprägung bei Kindern mit Untergewicht (n = 66), Normalgewicht (n = 813) und Übergewicht (n = 195) zeigte keinen Zusammenhang zwischen dem BMI und dem Auftreten von rs1107179, rs17598561 und rs1051168(P73T). Im Gegensatz dazu besaßen Personen mit einem TT-Genotyp des SNP rs3809508 ein höheres Risiko, an Adipositas zu erkranken (OR 2,85 mit 95% CI 1,11-7,31, p = 0,03). Eine Glättung der Daten nach körperlicher Aktivität oder dem pubertären Entwicklungsstadium nach Tanner beeinflusste das Ergebnis nicht.
Es ergab sich auch ein Zusammenhang mit anthropometrischen Daten: Träger des TTGenotyps zeigten im Gegensatz zu den CT- oder CC-Trägern einen erhöhten BMI (p = 0,02), größeren Bauchumfang (p = 0,006), ein erhöhtes Taille-Hüft-Verhältnis (p < 0,001) und einen erhöhten Quotienten aus Bauchumfang und Größe (p = 0,002). Auch diese Ergebnisse waren von der körperlichen Aktivität oder dem Tanner-Stadium unabhängig.
Bezüglich des Essverhaltens fanden sich keine Zusammenhänge mit dem rs3809508 Polymorphismus, in der Befragung wurde lediglich der Punkt „Verlangen nach Süßspeisen“ von den Kindern mit TT-Allel häufiger genannt (p = 0,01).
Während der Bildungsgrad des Vaters keine Assoziationen mit den erhobenen Daten zeigte, gab es signifikante Zusammenhänge des mütterlichen Bildungsniveaus mit allen anthropometrischen Daten sowie dem rs3809508 Polymorphismus (alle p < 0,05). Nach einer Gruppierung der Kinder in vier Klassen nach dem mütterlichen Bildungsgrad blieb der Zusammenhang nur für diejenigen Kinder bestehen, deren Mütter den geringsten Ausbildungsstand hatten. Hier war der Mittelwert aller anthropometrischen Daten bei den TT-Trägern gegenüber denen mit CT- oder CC-Allelen deutlich erhöht (alle p < 0,05). Diese Unterschiede fanden sich nicht bei Kindern, deren Mütter einen höheren Bildungsstand hatten.

Die Daten weisen darauf hin, dass neben sozialen Ursachen auch genetische Variationen an der Entstehung von Adipositas mitwirken.

Literaturverweis zur Klassifizierung in Unter-, Normal- und Übergewicht bei Kindern: 1 Cole TJ, Bellizzi MC, Flegal KM, Dietz WH.: Establishing a standard definition for child overweight and obesity worldwide: international survey. BMJ. 2000 May ;320(7244):1240-3. (Volltext unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/ lesbar.)

Pigeyre M, Bokor S, Romon M, Gottrand F, Gilbert CC, Valtueña J, Gómez-Martínez S, Moreno LA, Amouyel P, Dallongeville J, Meirhaeghe A; HELENA Study group.
INSERM, U744, Institut Pasteur de Lille, Université Nord de France, UDSL, Lille, France. marie.pigeyre-2@univ-lille2.fr
Influence of maternal educational level on the association between the rs3809508 neuromedin B gene polymorphism and the risk of obesity in the HELENA study.

Int J Obes (Lond). 2010 Mar;34(3):478-86.

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