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Von: - Ausgabe 4/2018 Beitrag Nr. 1

Welche Herausforderungen erwarten uns zukünftig in der Zahnmedizin?

In einem Trialog stellten drei Redner die kommenden Herausforderungen für Zahnmediziner dar und leiteten daraus die Notwendigkeit neuer Konzepte ab: Auf dem Kongress „Kinderzahnheilkunde meets Zahnerhaltung“ in Dortmund Ende September referierten Prof. Dr. A. Rainer Jordan, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts der Deutschen Zahnärzte in Köln, PD Dr. Michael Wicht, Leitender Oberarzt im Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Uniklinik Köln und PD Dr. Falk Schwendicke, stellvertretender Abteilungsleiter und Oberarzt der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin an der Charité Berlin.

Karies ist deutlich zurückgegangen und tritt später ein

Seit der ersten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS I)1 aus den Jahren 1989 und 1992 hat die Karieserfahrung bei Kindern eine bemerkenswerte Entwicklung genommen: Der Kariesindex DMFT sank bei 12-Jährigen von 4,9 auf heute 0,5 (DMS V, 2014)2. Jordan stellt jedoch fest: „Trotz des Rückgangs auf nur zehn Prozent des damaligen Wertes bestehen deutliche soziale Ungleichheiten. Obwohl sich die Erkrankungslasten in allen sozialen Schichten reduziert haben, sind Kinder aus gut gestellten Familien sind nur halb so oft betroffen.“

Laut DMS V stellt sich die Situation auch bei Erwachsenen und Senioren besser dar, seit den 90er Jahren ist bei Senioren ein Rückgang der Zahnverluste von 17,6 (1997; DMS III)3 auf 11,1 fehlende Zähne (2014; DMS V) zu vermerken. Auch die 35- bis 44-Jährigen haben seit 1997 durchschnittlich drei Füllungen weniger: Die Prävention scheint sich also auch im Erwachsenenalter auszuwirken.

Wie wird sich die Kariesprävalenz zukünftig entwickeln?

Aus den Daten der vorliegenden Mundgesundheitsstudien ermittelten die Referenten eine Prognose kariöser Zähne bis 2030. Ihren Schätzungen zufolge wird die Kariesprävalenz bei jungen Menschen weiter abnehmen. Ältere Altersgruppen ab 40 Jahren werden jedoch ein höheres Kariesrisiko haben, da sie im Vergleich zu früher mehr Zähne besitzen. Der Anteil restaurierter Zähne wird entsprechend etwas später mit ca. 65 Jahren sichtbar zunehmen, da mehr Zähne vorhanden sind.

Insgesamt wird die „Restaurationsspirale“ von Primärkaries über sekundäre Karies zum Vitalitätsverlust (Krone), weiter zur Entzündung und schließlich der Zahnextraktion zeitlich nach hinten verschoben oder gestreckt. Die Menschen haben immer mehr mundgesunde Jahre mit einer Verschiebung der Krankheitslast ins höhere Lebensalter. Deshalb entsteht künftig im Alter ein anderer Versorgungsbedarf: Es wird weniger Extraktionen und große Prothesen geben, dafür mehr Wurzelrestaurationen. Schwendicke meint: „Wurzelkaries ist bei Senioren häufiger und fordert uns präventiv und therapeutisch heraus.“ Die Trends dafür sind in den epidemiologischen Daten nicht ganz so eindeutig wie bei koronaler Karies, aber da die Gruppe der alten Menschen stark wächst, treibt die Zunahme dieser Personen auch ohne zunehmende Morbidität die Krankheitslast an.

Ferner wird die demografische Entwicklung altersassoziiert vermehrt parodontale Erkrankungen mit sich bringen, u. a., weil bei den Senioren künftig immer mehr Zähne vorhanden sein werden.

Andere Behandlungsmethoden: Der Bohrer bleibt stecken

Die Restaurationsspirale wird heute durch veränderte Behandlungsmethoden gestreckt: Karies kann durch Biofilmkontrolle (Versiegelungen) arretiert werden, Initialläsionen werden remineralisiert, und approximale Karies wird häufig mikroinvasiv durch Kariesinfiltration behandelt. Die therapeutische Schwelle für invasives Vorgehen ist insgesamt gestiegen.

Weitere (zukünftige) Strategien befinden sich in der klinischen Forschung und Entwicklung, dazu zählen beispielsweise Probiotika, Versiegelungen mit anderen Materialeigenschaften
oder neue Materialien und Methoden für die Remineralisation von Zähnen.

Senioren stellen besondere Herausforderungen an Zahnärzte

Die DMS V berücksichtigte erstmals ältere Senioren mit Pflegebedarf zwischen 75 und 100 Jahren. Bei ihnen wurden eine reduzierte Kariessanierung, mehr Zahnfleischbluten, mehr Zahnlosigkeit, seltenere Zahnarztbesuche und Defizite in der Mundhygiene festgestellt. Sie haben einen Unterstützungsbedarf, der vermutlich unzureichend gedeckt wird, so dass bei ihnen insgesamt eine schlechtere Situation besteht als bei Gleichaltrigen, die nicht pflegebedürftig sind. Wicht weist darauf hin, dass die Seniorenzahnmedizin die eingeschränkte Mobilität hinsichtlich der Erreichbarkeit und Ausstattung der (behindertengerechten) Praxis sowie die geistige Beweglichkeit der Patienten berücksichtigen muss. „Bei der Kommunikation mit schlechtem Hörvermögen müssen Ablenkungen vermieden werden, es ist eine einfache, klare und empathische Ansprache erforderlich.“ Auch Polypharmazie durch Multimorbidität muss ggf. berücksichtigt werden.

Die größte Herausforderung ist die Beratung von Patienten

Die Informationsflut und Desinformationen zum Thema Gesundheit nehmen immer mehr zu, was die Schulung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung immer wichtiger werden lässt. Darunter versteht man die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag angemessene Entscheidungen zur Gesundheit treffen zu können. Schwendicke stellte abschließend fest: „Generell glauben wir, dass Zahnärzte und Zahnärztinnen in Zukunft eher Gesundheitsmanager als Therapeuten sein werden.“ Er gab jedoch zu bedenken: „Wir Zahnärzte sind nicht ausreichend dafür ausgebildet, den Lebensstil der Menschen zu ändern.“ Auch Jordan stellte zur Diskussion, dass das ärztliche Gespräch nicht honoriert wird, denn es gibt keine Abrechnungspositionen dafür. Er befürchtet, dass evidenzbasierte Nachweise für den Effekt solcher Beratungsgespräche schwierig zu erfassen sein werden.

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Quellen:

1Micheelis, W. und Bauch, J.: Mundgesundheitszustand und -verhalten in der Bundesrepublik Deutschland. Ergebnisse des nationalen IDZ-Survey 1989. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1991; Micheelis, W. und Bauch, J.: Mundgesundheitszustand und -verhalten in Ostdeutschland. Ergebnisse des IDZ-Ergänzungssurvey 1992. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag, 1993.

2A. Rainer Jordan, Wolfgang Micheelis: Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V). Hrsg.: Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ). IDZ-Materialienreihe Band 35. Deutscher Zahnärzte-Verlag DÄV, Köln 2016.

3Wolfgang Micheelis, Elmar Reich: Dritte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS III). Hrsg.: Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ). IDZ-Materialienreihe Band 21. Deutscher Zahnärzte-Verlag DÄV, Köln 1999.

 

Vortrag von R. Jordan (Institut der Deutschen Zahnärzte, Köln), F. Schwendicke (Charité, Berlin) und M. Wicht (Universität zu Köln): „Zahnmedizin der Zukunft - Welche Herausforderungen können wir erwarten?“ Kongress „Kinderzahnheilkunde meets Zahnerhaltung“, 28.9.2018 in Dortmund

 


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