Fehlende Evidenz für die Empfehlung, die Zufuhr von Süßem zu reduzieren
Menschen haben eine angeborene Vorliebe für Süßes und neigen dazu, süße Lebensmittel zu bevorzugen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und andere Gesundheitsbehörden empfehlen jedoch, den Verzehr süßer Lebensmittel zu reduzieren. Der Grund dafür ist die Annahme, dass eine hohe Zufuhr die Vorliebe für Süßes weiter befeuert und die Energieaufnahme steigert, was Übergewicht und Folgeerkrankungen begünstigt.
Diese Argumentation scheint auf den ersten Blick nachvollziehbar: Grundlagenforschung zur Präferenz für Salziges zeigt, dass diese mit der Salzzufuhr korreliert. Neuere systematische Übersichtsarbeiten zum Konsum süßer Lebensmittel konnten jedoch keinen ähnlichen Mechanismus für Süßes nachweisen. Studien zeigen außerdem, dass die Intensität des Süßgeschmacks und der Energiegehalt in vielen Lebensmitteln unabhängig voneinander sind. Auch findet sich oft kein klarer Zusammenhang zwischen der Vorliebe für Süßes und der Zuckeraufnahme.
Da hochwertige Untersuchungen zu dieser Frage fehlen, war es Ziel dieser Studie, die Auswirkungen einer sechsmonatigen niedrigen, normalen und hohen Zufuhr süßer Lebensmittel auf die Vorliebe für Süßes zu untersuchen.
Semi-kontrollierte Studie unter Alltagsbedingungen
Die randomisierte kontrollierte Langzeitstudie[1] umfasste 180 niederländische Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren mit einem BMI von 18,5 bis 30 kg/m². Personen mit zu hohem Blutzucker, Diabetes, anderen Stoffwechselerkrankungen, übermäßigem Alkoholkonsum und Schwangerschaft wurden ausgeschlossen.
Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip drei parallelen Gruppen zugewiesen. Die Gruppen unterschieden sich in der Zufuhr von süßen Lebensmitteln, die über sechs Monate hinweg beibehalten werden sollte (niedrig: 10–15 % der Energiezufuhr aus süßen Lebensmitteln, mittel: 25–30 %, hoch: 40–45 %).
Die Intervention war semi-kontrolliert: Die Teilnehmenden durften nach Belieben essen, bekamen aber täglich Menüpläne und etwa die Hälfte der Speisen und Getränke aus ihrem zugeteilten Ernährungsplan zur Verfügung gestellt. Beispiele für Lebensmittel der Gruppe mit niedrigem Süßgehalt waren herzhafte Kekse, ungesalzene Nüsse und Gemüseaufstrich, für die mittlere Gruppe zuckerarme Fruchtmarmelade, ungesalzene Nüsse mit Cranberrys und Reiscracker mit Schokoladengeschmack sowie für die Gruppe mit hohem Süßanteil Frucht- und Joghurt-Kekse, Schokoladenaufstrich und Joghurtgetränk. Alle Produkte waren in den Niederlanden im Supermarkt erhältlich. An jeweils einem Tag pro Monat führten die Teilnehmenden ein Ernährungsprotokoll. Urinuntersuchungen lieferten Hinweise auf die aufgenommenen Mengen an Zucker und Süßstoffen.
Die Vorliebe für Süßes sowie die Wahrnehmung der Intensität wurden vor Studienbeginn, nach 6 Monaten und nach einer Nachbeobachtungszeit von 4 Monaten mit Hilfe von Lebensmitteln und Getränken gemessen, denen unterschiedliche Mengen Süßstoff zugesetzt wurden.
Außerdem wurden die Energieaufnahme, anthropometrische Daten, verschiedene Biomarker für Diabetes und kardiometabolische Erkrankungen erfasst. Bei einem Frühstückbuffet wurde nach Ende der Intervention überprüft, welche Lebensmittel die Teilnehmenden wählten und ob es Zusammenhänge zu einer unterschiedlich süßen Ernährung in den Monaten davor gab.
Keine Auswirkungen der unterschiedlich süßen Ernährung
163 Teilnehmende blieben über sechs Monate in der Studie, und Daten von 159 Personen waren für die Nachbeobachtungszeit verfügbar. Den Ernährungsprotokollen gemäß hatten die Teilnehmenden in der Gruppe mit niedrigem Süßgehalt 14 Prozent der Energie aus süßen Lebensmitteln aufgenommen, in der mittleren und hohen Gruppe waren es 21 bzw. 27 Prozent – insgesamt signifikant unterschiedlich.
Die Aufnahme einer mehr oder weniger süßen Ernährung hatte keine Auswirkungen, denn im Vergleich zu den Werten vor Studienbeginn zeigten sich bis zum 6. Monat keine Unterschiede hinsichtlich:
- der Vorliebe für Süßes (χ²(40) = 37,9; p = 0,56)
- der Wahrnehmung der Süß-Intensität (χ²(40) = 20,7; p = 0,99)
- der Auswahl süßer Lebensmittel beim Buffet (χ²(10) = 10,1; p = 0,43)
- der Energieaufnahme (χ²(10) = 12,7; p = 0,24)
- des Körpergewichts (χ²(10) = 14,3; p = 0,16)
- Markern für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (max. χ²(10) = 15,9; p = 0,10)
Während der Nachbeobachtungszeit kehrten die Teilnehmenden spontan zu ihrem ursprünglichen Verzehr an süßen Lebensmitteln zurück.
Fazit
In der Studie führte eine höhere Menge an süß schmeckenden Lebensmitteln weder zu einer stärkeren Vorliebe für Süßes noch zu einer anderen Wahrnehmung von süßem Geschmack. Der Anteil süß schmeckender Lebensmittel in der Ernährung hatte auch keinen Einfluss auf die Auswahl von Lebensmitteln, die Energieaufnahme, das Körpergewicht oder auf Parameter für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das stellt gängige Empfehlungen von Gesundheitsbehörden, den Verzehr von süß schmeckenden Lebensmitteln zu reduzieren, in Frage. Aufgrund der Ergebnisse halten die Forschenden es für unwahrscheinlich, dass eine übermäßige Energiezufuhr durch einen geringeren Verzehr süßer Lebensmittel ausgeglichen werden kann.
Quellen:
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Čad EM1, Mars M1, Pretorius L2, van der Kruijssen M1, Tang CS2, de Jong HB1, Balvers M1, Appleton KM1, de Graaf K1; k.appleton@bournemouth.ac.uk
1Division of Human Nutrition and Health, Wageningen University and Research, Wageningen, The Netherlands; 2Department of Psychology, Faculty of Science and Technology, Bournemouth University, Bournemouth, United Kingdom.
The Sweet Tooth Trial: A Parallel Randomized Controlled Trial Investigating the Effects of A 6-Month Low, Regular, or High Dietary Sweet Taste Exposure on Sweet Taste Liking, and Various Outcomes Related to Food Intake and Weight Status
Am J Clin Nutr. 2026 Jan;123(1):101073. doi: 10.1016/j.ajcnut.2025.09.041
[1]NCT04497974: Sweet Tooth: Nature or Nurture? Role of Long-term Dietary Sweetness Exposure on Sweetness Preferences



