Prävention von Jung bis Alt (Prof. Dr. A. Rainer Jordan)
Ergebnisse der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6) zeigen, dass sich initiale Karies je nach Alter etwas unterschiedlich entwickelt. Während sie sich bei 76 Prozent der jungen Volljährigen wieder zurückbildet, ist dies nur noch bei 53 Prozent der 65- bis 82-Jährigen der Fall.
Gleichzeitig zeigen die intensiven Bemühungen um die Kariesprävention bei Kindern der vergangenen Jahrzehnte Erfolge bis ins Erwachsenenalter: Seit 2005 sinkt die Karieserfahrung bei den 35- bis 44-Jährigen deutlich. Sie haben als Kind von den Präventionsmaßnahmen profitiert. Dass die Wirkung dieser Maßnahmen bis ins Erwachsenenalter reicht, wird als Präventionsexpansion bezeichnet.
Mit einem Alter ab Mitte 50 nimmt der Behandlungsbedarf deutlich zu. Da ältere Menschen heutzutage länger und mehr eigene Zähne besitzen, erreicht der Behandlungsbedarf zwischen 70 und 80 Jahren ein Maximum. Dies wird als Morbiditätskompression bezeichnet. Bei der 3. Mundgesundheitsstudie aus dem Jahr 1997 hatten Personen zwischen 65 und 74 Jahren im Schnitt 10,2 funktionstüchtige Zähne und 23,6 Zähne mit Karieserfahrung. 2023 bei der 6. Mundgesundheitsstudie waren in diesem Alter Schnitt 18,8 funktionstüchtige Zähne und 17,6 Zähne mit Karieserfahrung vorhanden.
Zwei Drittel der Seniorinnen und Senioren haben heutzutage festsitzenden Zahnersatz und ein Drittel trägt eine Prothese – früher war dieses Verhältnis andersherum.
Senioren in der Zahnarztpraxis – fit, gebrechlich, pflegebedürftig (Prof. Dr. Ina Nitschke)
An einem Fallbeispiel wurde der Verlauf bei einer hochaltrigen pflegebedürftigen Seniorin veranschaulicht. Sehr deutlich wurde, dass zusätzlich zum zahnmedizinischen Status auch chronische Erkrankungen und die Kognition berücksichtigt werden müssen.
So kann die Handhabung von Prothesen, die heutzutage häufig erst in höherem Alter benötigt werden, für Seniorinnen und Senioren problematisch sein. Zahnersatz sollte deshalb so konzipiert sein, dass ältere Patientinnen ihn auch bei nachlassender Motorik, Arthrose oder kognitiven Einschränkungen noch reinigen und anwenden können. Ein komplexer, festsitzender oder schwer erweiterbarer Zahnersatz kann im Verlauf der Gebrechlichkeit zur Belastung werden. Die Umstellung auf eine Prothese sollte nach Möglichkeit rechtzeitig erfolgen, sodass das Erlernen der Handhabung und die Gewöhnung an die Prothese noch gut möglich sind.
Bei zahnmedizinischen Behandlungen müssen also neben der Therapiefähigkeit auch das Vermögen zur Durchführung einer adäquaten Mundhygiene bzw. Prothesenpflege sowie die Eigenverantwortlichkeit mit in Betracht gezogen werden.
Auch die Angehörigen sollten einbezogen werden, denn viele Seniorinnen und Senioren benötigen Hilfe für einen Zahnarztbesuch. Sehr häufig erkennen betagte Personen selbst gar nicht, wie sehr ihre Mundgesundheit und Kaufunktion bereits eingeschränkt sind.
Es ist hilfreich, wenn Angehörige Fragen stellen, beispielsweise:
- Wie viele Zähne hast du im Ober- und im Unterkiefer?
- Wann warst du zuletzt beim Zahnarzt?
- Wann hast du deine Zahnbürste gewechselt?
Wenn der letzte Zahnarztbesuch ein Jahr oder länger zurückliegt oder der Zahnersatz nicht gut sitzt, sollten jüngere Angehörige einen Termin vereinbaren und die Seniorin oder den Senioren zur Behandlung begleiten. Ein Plakat der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin informiert genauer darüber, wie entscheidend eine gute Mundgesundheit im Alter zur allgemeinen Gesundheit beiträgt und was Angehörige tun können.
Kaufunktion als klinisches Therapieziel – von der Zahnerhaltung zur funktionellen Rehabilitation (Prof. Dr. Julia Jockusch)
Im Alter nehmen Probleme mit der Mundgesundheit wie Parodontitis und Mundtrockenheit zu. Gleichzeitig werden zahnärztliche Leistungen eher beschwerdeorientiert in Anspruch genommen. Hinzu kommt, dass die Eigenwahrnehmung und der klinische Behandlungsbedarf teilweise weit auseinanderklaffen. So überschätzen ältere Menschen ihre Kaufunktion oft deutlich.
Um den besonderen Bedürfnissen von Seniorinnen und Senioren entgegenzukommen, wurde im Januar 2026 die S2k-Leitlinie „Zahnmedizinische Betreuung geriatrischer Patienten“ verabschiedet. Sie betont, dass bei Therapieentscheidungen der individuelle Gesundheits- und Pflegezustand sowie die funktionelle Kapazität ausschlaggebend sein sollten und nicht das kalendarische Lebensalter.
Die Leitlinie rückt die Kaufunktion und deren funktionelle Rehabilitation in den Fokus. Die Fähigkeit zu kauen ist direkt an den Ernährungszustand gekoppelt: Indem Mangel- und Unterernährung vermieden werden, nimmt sie nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf die kognitive Leistungsfähigkeit Einfluss.
Die Leitlinie spricht sich dagegen aus, das Gebiss hochbetagter oder gebrechlicher Menschen starr nach Lehrbuch klassisch zu sanieren. Bei ihnen reicht z. B. als Therapieziel häufig eine verkürzte Zahnreihe aus, sofern diese eine stabile Kaufunktion gewährleistet. Priorität bei der Behandlung haben weniger die Ästhetik, sondern vielmehr Schmerzausschaltung und der Erhalt der Autonomie in Bezug auf selbstständiges Essen, Schlucken und Sprechen.
Quellen:
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Prof. Dr. A. Rainer Jordan, Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) Köln
Prof. Dr. Ina Nitschke, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde,
Medizinische Fakultät der Universität Leipzig
Prof. Dr. Julia Jockusch, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Seniorenzahnmedizin, Medizinische Hochschule Brandenburg
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung in Heidelberg, 19.09.2026
Mundgesundheit für Ihre Angehörigen. Eine Initiative der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin (DGAZ). https://www.zahnhygiene.de/wp-content/uploads/2026/04/DGAZ_Angehoerige_Pflege_Plakat.pdf



