Zugang zu zahnärztlicher Versorgung für Menschen mit Migrationshintergrund
Etwa ein Drittel der in Deutschland lebenden Menschen hat einen Migrationshintergrund – entweder weil sie selbst zugewandert sind oder weil mindestens ein Elternteil aus dem Ausland stammt. In Bezug auf die Herkunft, den Aufenthaltsstatus, die soziale Position und Integration in die Gesellschaft handelt es sich um eine äußerst heterogene Gruppe.
Die gesetzliche Krankenversicherung steht Menschen mit rechtmäßiger Aufenthaltserlaubnis sowie jenen nach Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft offen. Soziale, kulturelle und wirtschaftliche Barrieren können Arztbesuchen aber im Wege stehen. Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache erschweren die Orientierung im Gesundheitssystem oft zusätzlich. All dies kann sich negativ auf die Mundgesundheit und auf die Inanspruchnahme zahnärztlicher Versorgung auswirken. Ziel dieser systematischen Übersicht und Meta-Analyse war es, diesbezüglich Unterschiede zwischen Einheimischen und Zugewanderten zu identifizieren.
Suche nach Evidenz für Unterschiede seit 1990
Es erfolgte eine umfassende Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed, Scopus und Web of Science. Berücksichtigt wurden Artikel, die zwischen 1990 und Anfang 2026 in englischer oder deutscher Sprache veröffentlicht wurden.
Eingeschlossen wurden 16 Beobachtungsstudien und klinische Studien, die Kinder oder Erwachsene mit Migrationshintergrund in Deutschland untersuchten. Zwei unabhängige Gutachter prüften die Titel, Zusammenfassungen und Volltexte der identifizierten Studien. Die Daten wurden standardisiert extrahiert.
Die methodische Qualität der eingeschlossenen Beobachtungsstudien wurde mit dem AXIS-Tool (Appraisal tool for Cross-Sectional Studies) bewertet, die Sicherheit der Evidenz für quantitative Ergebnisse mit dem GRADE-Ansatz (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation). Drei Studien gingen in die Meta-Analyse ein.
Mehr Karieserfahrung, weniger Vorsorgeuntersuchungen und mehr Zahnarztbesuche wegen Schmerzen
Die narrative Übersicht der Ergebnisse von 16 Studien zeigt, dass der Mundgesundheitsstatus bei Migrantinnen und Migranten deutlich schlechter war als bei der einheimischen deutschen Bevölkerung. Der DMFT-Index als Maß für Karieserfahrung war bei zugewanderten Erwachsenen vor allem aufgrund von mehr fehlenden Zähnen höher. Die Anzahl gefüllter Zähne war oft geringer oder vergleichbar, was möglicherweise auf einen eingeschränkten Zugang zu restaurativer Versorgung hindeutet.
Zahnfleischentzündungen, Plaque-Akkumulation und parodontale Erkrankungen kamen bei ihnen vermehrt vor.
Bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund war die Karieserfahrung höher und entsprechend die Wahrscheinlichkeit für ein kariesfreies Gebiss geringer. Zudem erhielten sie seltener Fissurenversiegelungen. Dies machte sich vor allem in sozioökonomisch benachteiligten Gebieten bemerkbar.
Meta-Analyse untermauert die Beobachtungen
Die geschilderten Beobachtungen spiegeln sich auch in den Ergebnissen der Meta-Analyse wider: Die standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD) für den DMFT-Index betrug 0,40 mit einem 95-%-Konfidenzintervall (KI) von 0,31 bis 0,49 (p < 0,05).
Der DMFT wurde bei erwachsenen Migrantinnen und Migranten vor allem durch eine höhere Anzahl fehlender Zähne getrieben (SMD = 0,17; 95%-KI: 0,08–0,26; p < 0,05). Die Unterschiede bei kariösen und gefüllten Zähnen waren weniger eindeutig.
Über alle Altersgruppen hinweg nahmen Migrantinnen und Migranten mit einer um 33 bis 36 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wahr. Sie suchten Zahnarztpraxen stattdessen häufiger erst bei akuten Schmerzen auf. Der Evidenzgrad für diese Parameter wurde als moderat eingestuft.
Fazit
Trotz der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland nehmen Migrantinnen und Migranten präventive zahnärztliche Leistungen seltener in Anspruch.
Möglicherweise tragen strukturelle und soziale Faktoren wie der sozioökonomische Status, die Gesundheitskompetenz, Sprachbarrieren und eine wahrgenommene Diskriminierung zur Ungleichheit bei.
Die Autorinnen und Autoren der Studie halten gezielte Strategien für notwendig, um die Unterschiede der Mundgesundheit zwischen Zugewanderten und der einheimischen deutschen Bevölkerung zu verringern. Diese könnten zum Beispiel kulturell und sprachlich angepasste Informationen sowie Maßnahmen zur Verbesserung des Zugangs zur zahnärztlichen Versorgung umfassen.
Quellen:
___________________
Kosan D1, Mao Z2, Yassine J2, Kosan E3; zahnaerztinkosan@gmail.com
1Medical School Berlin (MSB), Berlin, Germany; 2Department of Prosthodontics, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Germany; 3Department of Periodontology, Oral Medicine and Oral Surgery, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Aßmannshauser Str. 4-6, 14197, Berlin, Germany.
Oral health in migrant population of Germany: a systematic review and meta-analysis.
BMC Public Health. 2026;26(1):1824. doi:10.1186/s12889-026-27927-8



